Seit ein paar Wochen wohnt bei uns ein Götterbote. Ich erprobe Hermes Agent – das quelloffene, selbst gehostete Agenten-Framework von Nous Research – im privaten Rahmen, und inzwischen verwaltet er meinen Desktop, den Homeserver und unser komplettes Smart Home. Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass ein Agent Kommandos ausführen kann. Das Bemerkenswerte ist, dass ich seit Wochen keine Arch-Konfiguration mehr angefasst habe.

Möglich macht das ein Konzept, das Hermes Profile nennt: Jedes Profil ist ein eigenständiger Agent mit eigener Konfiguration, eigener Identität, eigenem Gedächtnis, eigenem Gateway und eigenen Cron-Jobs. Bei mir kümmert sich ein Profil um genau ein Gerät – eines um den Desktop, eines um den Homeserver, eines um das Smart Home. Kein Generalist, der alles halb kennt, sondern Spezialisten mit klarem Revier.

Ein Bote, viele Profile

Der Hermes, mit dem ich bei Telegram schreibe, ist bewusst nichts weiter als eine Orchestrierungsinstanz. Er fasst selbst kein Gerät an. Er nimmt Aufgaben entgegen, zerlegt sie und kommuniziert mit den anderen Profilen – entweder direkt oder über Kanban-Tickets. Wie sein Namensvetter trägt er Botschaften zwischen den Welten, statt selbst Hand anzulegen.

Das klingt nach Bürokratie, ist aber der Punkt, an dem das Setup professionell wird: Ich kann von unterwegs schreiben, der Homeserver möge bitte mal Paperless-ngx aufsetzen – gerade erprobe ich genau das. Der Orchestrator macht daraus ein Ticket, das Homeserver-Profil arbeitet es ab, und die Rückmeldung landet wieder bei mir im Chat. Ich formuliere Absichten, keine Shell-Befehle.

Nachtschicht um drei

Mein Desktop ist ein Arch-System (CachyOS) – traditionell also etwas, das regelmäßige Zuwendung erwartet. Die bekommt es jetzt nachts: Um drei Uhr weckt ihn Wake-on-LAN, dann wird komplett durchgewartet. Spiegel und Keyring prüfen, anstehende Updates sichten, Dienste und Logs kontrollieren, Bericht schreiben, wieder schlafen legen. Der Homeserver bekommt dieselbe Behandlung – inklusive des Home Assistant, der dort nebenbei läuft.

Das Ergebnis ist unspektakulär, und genau das ist der Erfolg: ein Rolling-Release-System, das sich anfühlt wie ein gewartetes Produkt. Morgens liegt ein Bericht im Board, und wenn nichts ansteht, steht da eben: nichts anzumerken.

Kanban als Rückgrat

Die Wartung läuft nicht als loses Skript, sondern über das Kanban-Board: Jeder Lauf erzeugt Tickets, und an den Tickets greifen Sicherheitsprozesse. Ein frisches Update wird nicht sofort eingespielt, sondern wartet erst seine Reifezeit ab – wer Arch kennt, weiß, warum man dem Tag-eins-Paket gelegentlich misstraut. Danach wird geprüft, ob bekannte Breaking Changes anstehen. Erst wenn beide Gates grün sind, wird eingespielt; im Zweifel gibt es eine Rückfrage statt eines Risikos. Alles davon ist im Board nachvollziehbar.

Smart Home für zwei

Neu ist auch: Meine Frau und ich haben jetzt beide einen eigenen Zugang zur Hermes-Instanz. Das gesamte Smart Home läuft darüber – Szenen, Automationen, das übliche Kleinzeug, für das man früher drei Apps und einen Admin (mich) gebraucht hat. Jetzt spricht jeder von uns einfach mit dem Boten, und der klärt den Rest mit dem Smart-Home-Profil.

Der Charme liegt am Ende nicht in einem besonders klugen Modell, sondern in der Arbeitsteilung: Hermes trägt Botschaften, die Profile tun die Arbeit, das Board hält alle ehrlich. Es ist dieselbe Lehre wie in der Softwareentwicklung – gute Agentensysteme entstehen nicht durch mehr Autonomie, sondern durch klare Zuständigkeiten und Gates an den richtigen Stellen. Dass ich dadurch seit Wochen kein pacman -Syu mehr getippt habe, nehme ich als Beweis.